Martin Suters Roman „Der Teufel von Mailand“, in dem eine verunsicherte Frau in der Einsamkeit eines Dorfes im Engadin auf der Suche nach ihrer inneren Ruhe ist, zählt nicht zu den stärksten Werken des Bestsellerautoren aus der Schweiz.
Sonia, eine ansehnliche Frau Mitte dreißig, will nach der misslungenen Ehe mit Frédéric Forster ein neues Leben beginnen, verlässt Heimat, Freunde und Wohnung, um in Val Grisch im Unterengadin ihren Seelenfrieden zu finden.
Ausgesorgt hat Sonia mit der Scheidung von Frédéric, doch wirklich frei ist sie nicht, verfolgen sie doch die Ereignisse jener Nacht, in der er rasend vor Eifersucht versucht hat, sie umzubringen. Die Gewissheit, ihn hinter Gittern zu wissen, bringt ihr keine Ruhe: Drogen, Sex und Alkohol lindern ihre Angst und Panikattacken nicht, können die Leere in ihrem Leben nicht füllen.
So fällt sie den Entschluss, ihren früheren Job als Physiotherapeutin in einem neu eröffneten Wellnesshotel im Unterengadin wieder auszuüben und in der Einsamkeit und Stille zu sich selbst zu finden. Dort spielen Sonias Gedanken verrückt: Sie entwickelt sich nach einem LSD-Trip nicht nur zu einer Synästhetikerin, d.h. Sinneseindrücke verschmelzen und vermischen sich in ihrer Wahrnehmung – sie sieht Geräusche und fühlt Farben – , auch in dem Hotel geschehen die merkwürdigsten Dinge.
Sonia ist ratlos, ob der alkoholkranke Nachtportier Casutt seine Finger im Spiel hat, ob die grimmigen und eigenbrötlerischen Dorfbewohner die Fremdlinge vertreiben wollen, oder ob die vermeintlichen Anschläge der wunderschönen – aber mysteriösen – Hotelbesitzerin Barbara Peters gelten, der die geringe Auslastung des Luxushotels demonstrativ keine Sorgen bereitet.
Sonia fällt ein Teil einer alten Alpensage in die Hände Der Teufel fordert von einer armen Seele seinen Lohn für einen finsteren Pakt: „Wenn es Herbst wird im Sommer, wenn es Nacht wird am Tag, wenn die Glut brennt im Wasser, wenn es tagt beim zwölften Schlag. Wenn zum Fisch wird der Vogel, wenn zum Mensch wird das Tier, wenn das Kreuz zieht nach Süden, erst dann gehörst du mir.“ Diese seltsamen Verse werden zum Mittelpunkt des Plots, in dem Sonia einerseits dem Rätsel auf die Spur zu kommen versucht, andererseits an ihrem Verstand zweifelt und befürchtet, der Teufel kündige sich tatsächlich an...
Die Geschichte klingt wie eine Steilvorlage für den Erfolgsgaranten Suter, der für Kenner seiner Werke am Ende ungewohnte Schwächen offenbart. Der Schluss wirkt allzu konstruiert und erzwungen, zu wenig logisch sind die Ereignisse, zu unbefriedigend die Auflösungen der Geheimnisse.
Es bleibt aber zu betonen, dass der „Der Teufel von Mailand“ ein hervorragender Roman ist, der mit Liebe zum Detail und auf von Suter gewohnt hohem sprachlichen Niveau verfasst ist. Spannungsgeladene Stunden sind mit diesem Buch garantiert, das erzählerische Raffinesse nicht vermissen lässt.
